Ein einziger Schwerthieb, und eine Hand landet im Staub. Ein mächtiger Streich und ein Kopf rollt. So, oder so ähnlich, zeigt uns das Kino Wirkungstreffer von Blankwaffen. Das wiederum prägt unsere Vorstellungswelt. Aber entspricht das überhaupt der Realität?

Wirkungstreffer

Der Begriff „Wirkungstreffer“ stammt aus dem Boxsport. Dort bezeichnet er einen Treffer, bei dem der Getroffene „Wirkung zeigt“, also zu taumeln beginnt, schlecht Luft bekommt oder seine Deckung nicht mehr halten kann. Der Schlag hat also so getroffen, dass er nicht bloß Schmerz verursacht, sondern darüber hinaus Auswirkungen hat – auf das vegetative Nervensystem, beispielsweise.

Bei Waffen sehen Wirkungstreffer aber anders aus. Während sich ein Stock noch relativ ähnlich zur bloßen Faust verhält, sind Klingen deutlich anders gelagert. Entsprechend muss man sich fragen, wie ein Wirkungstreffer mit einer solchen eigentlich zu definieren ist.

Trefferwirkung

Bei stumpfen Waffen (und dazu zählt auch die Faust/Hand), basiert die Trefferwirkung auf einem stumpfen Trauma. Dieses verursacht Blutergüsse, Quetschungen, Rissquetschungen (auch innerlich!), Knochenbrüche und Nervenschäden. Jeder Hieb der innere Verletzungen verursacht, hat das Potential, den Gegner zu töten. Das muss nach außen nicht einmal sichtbar sein.

Bei Klingen ist eine äußere Verletzung immer vorhanden. Eine Klinge verursacht Schnitte, Blutungen und stumpfe Traumata an Knochen. Eigentlich also beinahe weniger Schaden als stumpfe Waffen – oder?

Die eigentliche Wirkung einer Klingenwaffe basiert darauf, dass sie in der Lage ist, Gewebe zu durchtrennen. Seien das Muskeln (wodurch eine Gliedmaße nicht mehr bewegt werden kann), Sehnen und Bänder (Gelenke unbrauchbar) oder Blutgefäße (Blutverlust). Auch eine Stichverletzung ist nichts anderes als durchtrenntes Gewebe.

Der Wirkungstreffer im Kino

In den frühen Tagen des Kinos wurden Fechtszenen zumeist mit einem Stoß beendet. Auch wurde kaum Blut gezeigt (selbst die chinesischen Wuxia Filme hatten kaum Blut zu bieten), weil es sehr aufwändig war. Kurosawa Akira gilt als „Erfinder“ des Filmblutes, als er für Shichinin Samurai erstmals Enthauptungen (mit Blutfontäne) auf Zelluloid bannte.

Inzwischen haben wir uns an sehr drastische Darstellungen gewöhnt. Bei einem Wirkungstreffer erwarten wir, einen Körperteil durch die Luft fliegen zu sehen – sei das ein Arm oder ein Kopf. Als Laie stört es uns auch nicht, wenn dieser noch in einer Rüstung steckt.

Die Idee hinter der Darstellung kommt aus dem Schauspiel. Der Zuschauer muss sehen, dass der Treffer passiert ist. Während man in den Tagen des Bühnenfechtens noch mit dramatischen Schmerzszenen arbeitete, kann man das heute mittels CGI einfacher und drastischer zeigen.

Vorstellungswelten

Die Problematik besteht in der Wechselwirkung zwischen menschlicher Vorstellungswelt und der des Kinos. Wenn wir bestimmte Dinge immer wieder gezeigt bekommen, übernehmen wir sie als Wahrheit, solange wir keine eigenen Erfahrungen haben.

So wie man mit einem Autounfall eine Explosion verbindet (die höchst selten vorkommt), erwartet man bei einem Schwerttreffer, ein Glied abzutrennen. Schließlich gibt es dafür ja auch archäologische Belege, nicht wahr?

Archäologische Belege

Leider muss die Antwort Jein lauten. Wir haben archäologische Belege für Verletzungen auf Schlachtfeldern. Die meisten davon stammen aber aus dem Frühmittelalter (Visby) oder noch früher – in späteren Zeiten wurden die Gefallenen aufwändiger bestattet und ihre Knochen sind inzwischen zerfallen oder stehen der Forschung gar nicht zur Verfügung (Totenruhe).

Aus der Schlacht von Sempach kennen wir einige Befunde, die große Schädelverletzungen zeigen. Das wundert aber auch nicht, handelt es sich bei den Toten doch um Adelige, die im Vollharnisch kämpften.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass bloße Gewebeverletzungen keine Spuren auf den Knochen hinterlassen. Wenn die Klinge also nicht gerade einen Knochen trifft, bleibt nach ein paar hundert Jahren davon keine Spur mehr zurück.

Der Wirkungstreffer im Historischen Fechten

Für das Training im Historischen Fechten ergibt sich dadurch folgendes Problem: Der Fechter erwartet eine bestimmte (fiktive) Wirkung bei einer Technik und arbeitet in seiner eigenen Vorstellungswelt damit.

Ich habe selbst schon oft genug davon gesprochen, dass bei einem Treffer beispielsweise „die Hand im Dreck landet“.

Aber unterliegen wir damit nicht einem Irrtum? Und müssen wir diese Vorstellung nicht auch in unsere Interpretation miteinbeziehen?

Vergleichen wir einmal das berühmte Bild von Talhoffer mit der abgeschlagenen Hand mit den Bolognesern – nirgendwo wird etwas derartiges erwähnt. Aber würden die Autoren die Trefferwirkung tatsächlich einfach unter den Teppich kehren?Talhoffer Tafel Wirkungstreffer Hand

Unterliegen wir am Ende gar der Hollywood-Illusion?

Unterschiedliche Wirkungstreffer

Wer jemals verschiedene Klingen aus unterschiedlichen Zeiten geführt hat weiß, dass es da erhebliche Unterschiede gibt. Waffen aus dem Frühmittelalter eignen sich mehr für wuchtige Hiebe, die durchaus in der Lage sind, Gliedmaßen abzutrennen. Und das passt auch zu den archäologischen Belegen.

Auch die mittelalterlichen Waffen sind dazu noch durchaus in der Lage. Und bedenkt man, dass sie gegen Rüstungen verwendet wurden, ist eine gewisse Wuchtwirkung auch notwendig. Die Hiebe des Langen Schwerts sind gegen Ungerüstete sicher verheerend, gegen Harnische musste man ohnehin andere Techniken verwenden.

Je schmaler die Klingen aber werden, und je mehr man sie im zivilen Kontext verwendet, umso weniger wichtig sind solche Eigenschaften. Man muss kein Kettengeflecht mehr durchschlagen, oder Knochen unter Stoffpanzern brechen.

Statt dessen kann man gezielt Gliedmaßen ausschalten, dem Gegner stark blutende Wunden zufügen und/oder ihm wortwörtlich den Todesstoß versetzen.

Parallelen

Wir finden Beweise für diese These unter anderem in Asien. Im chinesischen Wu-Dang etwa. Hier wird eine vergleichbare, schlanke, zweischneidige Klinge verwendet (Jian). Abgesehen von vielen, den Bologneser Autoren ähnlichen, Techniken, sind es vor allem die Trefferzonen, die uns interessieren.

Man zielt hier vor allem auf Gelenke und Blutgefäße. Das Ziel ist es, mit gezielten Schnitten den Gegner kampfunfähig zu machen – um dann den tödlichen Stoß anzubringen. Erinnert das nicht stark an das, was wir in unseren Quellen finden?

Ähnliches sehen wir auch im phillipinischen Kali. Man trifft Arme, Beine und Hals, um den Gegner außer Gefecht zu setzen.

Geänderte Betrachtungsweisen

Was bringt uns das für das Training und die Interpretation? Nun, zum einen können wir die Techniken in einen anderen Kontext setzen.

Wenn wir also Angriffe zur „Hand“ (eigentlich Unterarm) sehen, dann müssen wir uns von der Vorstellung lösen, dass diese dazu führen, dass eine Hand abgetrennt wird. Vielmehr geht es wohl darum, Sehnen und Muskeln zu durchtrennen, damit der Gegner seine Waffe nicht mehr halten kann.

Ein Hieb zum Kopf muss nicht den Zweck erfüllen, diesen zu spalten. Es reicht auch, wenn er taumelt und ihm Blut in die Augen läuft.

Angriffe „zum Bein“ erlangen dadurch auch eine neue Bedeutung (was wiederum zu Manciolinos Punktewertung passt, die Beintreffer als „schwieriger“ erachtet und daher 2 Punkte vergibt). Durchtrennte Bänder und Sehnen am Knie setzen einen Gegner effektiv außer Gefecht.

Außerdem sollten wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass ein einzelner Kopftreffer zum sofortigen Tod führt. Das mag mit den Waffen des Frühmittelalters noch zutreffen (auch wenn es Belege für mehrere solche Treffer an einzelnen Schädeln gibt), aber spätestens mit dem Seitschwert wird das recht unwahrscheinlich. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass wir die Taktik hinter den Stücken aus einem anderen Blickwinkel betrachten müssen.

Ein Beispiel

„Ihr seid beide in Coda lunga stretta mit dem linken Fuß vorne; willst du der sein, der anfängt, stoße eine Stoccata trivellata zum Gesicht, mit dem vorgenannten linken Fuß vorne. Diese machst du, damit er sie abwehrt, und du steigst sofort mit dem rechten Fuß zu seiner linken Seite, einen Mandritto zum Kopf oder zum Bein führend, der in Porta di ferro stretta endet; und das linke Bein folgt hinter dem rechten.“

Dieses Stück ist aus dem Anonimo Bolognese entnommen. Nehmen wir die neuen Erkenntnisse nun her, die Taktik hinter dem Stück zu interpretieren.

Die Stoccata zum Gesicht (Gesicht! Nicht Kopf!) könnte ein Auge treffen – was einerseits eine potentiell tödliche Verletzung bedeutet, andererseits aber den Gesichtssinn beeinträchtigen würde. Die Finte soll aber abgewehrt werden, damit der zweite Angriff Erfolg hat.

Dieser besteht in einem Mandritto zum Kopf oder Bein. Es wird kein eigentlicher Hieb definiert – nur die Richtung, aus der er geführt wird. Klar ist aber: zum „Kopf“ bedeutet wohl eher „Hals“ (also Verbluten) und „Bein“ lässt sich mit „Knie“ gleichsetzen – und damit der Durchtrennung der Bänder an der Außenseite des linken Knies des Gegners.

Wir sehen hier also eine deutlich genauere Schwertführung, mit fast chirurgischer Präzision.

Fazit

Eine differenziertere Betrachtungsweise von Wirkungstreffern im Fechten verschafft eine neue Sicht auf die Techniken und Stücke. Wenn wir uns von der Vorstellung lösen, dass immer gleich Körperteile durch die Luft segeln müssen, bekommen wir einen klareren Blick auf die Taktik hinter den Stücken.

Das ständige Hinterfragen vermeintlich bekannter Fakten gehört für mich zum Historischen Fechten untrennbar dazu. Ich bin bereits seit längerer Zeit ein Verfechter (Pun intended!) von kleineren Bewegungen und präziseren Treffern. Meiner Auffassung nach ist die Bologneser Tradition weit entfernt von den brachialen Hieben des Frühmittelalters und viel näher an der chirurgischen Präzision wie sie beispielsweise das Wu-Dang Jian prägen. Auch der Übergang zum Rapierfechten erklärt sich damit deutlich einfacher.