Teil I
Der schillernde Stern am italienischen Fechthimmel
Marozzo: Der Name, den alle historischen Fechter kennen, auch wenn sie ansonsten nichts mit Bologneser Schule oder einhändig geführten Schwertern der italienischen Renaissance am Hut haben. Jene, die sich mit dem Stil befassen, kommen um seinen Namen und sein Werk, „Opera Nova Chiamata Duello“ nicht herum. Höchste Zeit, einen Blick auf sein Leben und sein Buch zu werfen.
Strahlend schweben seine Person und sein Fechtbuch über der Bologneser Schule und dem „italienischen“ Fechten der Renaissance. Sogar der größte italienische Verband für historisches Fechten hat sich nach ihm benannt: Die Sala d’Arme Achille Marozzo. Ob Marozzo sich jemals hätte träumen lassen, dass sein Name ein halbes Jahrtausend nach seiner Geburt Menschen auf der ganzen Welt ein Begriff sein würde?
Dieser zweiteilige Blogartikel ist der Versuch, einen Überblick über sein Leben und sein Werk zu verschaffen – und wagt ein paar Seitenblicke auf Falschinformationen und Diskussionen rund um seine Person.

Vermutlich Marozzo mit zwei von seinen Schülern. Zu ihren Füßen liegen die für Bologneser Schule typischen Bewaffnungen.
Holzschnitt aus Marozzo’s Opera Nova (1536)
Die drei Meisterschüler des Guido Antonio di Luca
Achille Marozzo wurde 1484 mitten in eine traditionsreiche Familie in Bologna geboren. Seine Vorfahren waren spätestens seit dem Jahre 1385 nachweislich Bürger der stolzen Stadt. In seinem Werk erzählt er, dass er die Kunst des Fechtens bei seinem Meister Guido Antonio di Luca erlernt habe.
Zwei weitere Namen werden genannt, welche ebenfalls bei di Luca studierten: Giovanni dalle Bande Nere und der Graf Guido II Rangoni. Gemeinsam mit Marozzo sind sie wohl die drei namhaftesten und erfolgreichsten Schüler von di Luca.

Guido II Rangoni (Porträt, 1543)

Giovanni delle Bande Nere (Ölgemälde von Francesco Salviati, um 1547)
Guido und Giovanni würden später als erfolgreiche Condottieri in Italiens Geschichtsbücher eingehen. Guido Rangoni schlug im Laufe seiner Karriere zahlreiche Schlachten für verschiedene Fürstenhäuser Mittel- und Norditaliens. Die längste Zeit seines Lebens diente er aber der „Serenissima“ – der Republik Venedig. Er verstarb dort 1539 mit 54 Jahren und liegt in der Basilika San Zanipolo begraben.
Der bekannteste der drei Schüler würde aber zweifelsohne der Jüngste werden: Giovanni dalle bande Nere. Sein richtiger Name war „Ludovico di Giovanni de‘ Medici”. Als Spross zweier der einflussreichsten Familien jener Zeit, der Sforza und der Medici, machte er sich nach seiner Ausbildung schnell einen Namen bei den Fürstenhäusern und auch bei den Soldaten.
Neuankömmlinge seiner Truppe pflegte er persönlich auszubilden und er legte stets großen Wert auf das Training und die Disziplin seiner Soldaten. So ist es zumindest überliefert. Sein Ruhm schien ungebrochen, bis er 1526 während einer Schlacht von einem Kanonenschuss am Bein verletzt wurde. Er erlag seinen Verletzungen wenige Tage später im Alter von nur 28 Jahren und wurde in Mantua beigesetzt.
Über die Verbindung zwischen den drei „Meisterschülern“ wissen wir leider nicht viel, doch zumindest jene zwischen Marozzo und Rangoni lässt sich klar belegen. Dem Grafen Guido Rangoni und keinem anderen wird der Fechtmeister später sein Werk Opera Nova widmen. Daraus lässt sich schließen, dass Rangoni wohl auch den Druck finanzierte, wie es damals üblich war.
In der stolzen Stadt Bologna
Marozzo würde seine „Kommilitonen“ Giovanni und Guido beide überleben. Während sie auf den Schlachtfeldern Italiens für Ruhm, Ehre und ihren Sold kämpften, würde er sich als Fechter und Lehrmeister einen Namen machen, eine eigene Fechtschule eröffnen und ein Buch verfassen, das es bereits zu seinen Lebzeiten auf mehrere Auflagen bringen sollte.
Marozzo verbrachte sein Leben in Bologna. Er wohnte in einem Haus in der Via Riva di Reno, wo er eine Seidenspinnerei und höchstwahrscheinlich auch seine Fechtschule betrieb. Ein Beleg dafür ist ein Dokument aus dem Jahre 1531, in dem Marozzo die Erlaubnis erteilt wird, Wasser aus dem Fluss für seine Seidenspinnerei zu nutzen.
Wir können ziemlich sicher davon ausgehen, dass Marozzo Duelle focht. Ob er auch an Schlachten teilnahm, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Wäre die Stadt in kriegerische Handlungen verwickelt worden, hätte er auf jeden Fall seinen Beitrag als Teil der Miliz leisten müssen. Doch zumindest aus zweiter Hand, beispielsweise durch Guido Rangoni und die Lehrzeit bei seinem Meister di Luca – gemeinsam mit anderen künftigen Söldnerheerführern – dürfte er einen tieferen Einblick in das Kriegshandwerk bekommen haben.

Alte Postkarte mit einem Foto der Via Riva di Reno, Bologna
Zu Marozzos Lebzeiten war es in Bologna vergleichsweise ruhig. Seit 1461 stand die Stadt unter der Führung von Giovanni II Bentivoglio. Es kam zu keinen nennenswerten Auseinandersetzungen und Bologna konnte, getragen von der Renaissance, kulturell aufblühen.
1506 verfassten Papst Giulio II und Ludwig XII (Frankreich) ein Abkommen. Dies führte unter anderem dazu, dass Bentivoglio die Stadt verlassen und ins Exil gehen musste. Bologna fiel dem Vatikan zu. Es folgten fast drei Jahrhunderte des politischen Stillstandes, während denen die Kirche regierte.
Während die Stadt unter der Fuchtel des Papstes steht, baut Marozzo seinen Ruf als Lehrer und Fechtmeister aus und beginnt an seinem Buch zu arbeiten. Erst recht spät erscheint das Werk: „Opera Nova Chiamata Duello“ wird 1536 das erste Mal in Modena gedruckt. Achille Marozzo ist zu diesem Zeitpunkt bereits 52 Jahre alt. Das Buch ist so erfolgreich, dass es mehrmals neu aufgelegt wird: 1546 in Bologna, zwei weitere Male in Venedig (1550 und noch einmal 1568).
Sein Sohn Sebastiano wird das Buch für die jüngeren Ausgaben überarbeiten. Es wird 1615 ein letztes Mal in Verona herausgegeben. Marozzo und sein Sohn Sebastiano waren zu diesem Zeitpunkt bereits lange tot. Marozzo starb 1553, höchstwahrscheinlich ebenfalls in Bologna. Manche behaupten, der Fechtmeister sei bis zu seinem Tode kein einziges Mal im Duell besiegt worden.

Die innere Stadt von Bologna, genannt auch la Dotta – die Gelehrte, wegen ihrer Universität, la Rossa – die Rote, wegen der Farbe von Mauern und Dächern, oder la Grassa – die Dicke, wegen der kulinarischen Köstlichkeiten.
Quelle: 10cose.it
Wirkung und Gerüchte
Ob und welche der uns bekannten späteren Fechtmeister Marozzos Opera Nova gelesen haben oder gar von ihm persönlich unterwiesen wurden, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Allein die Tatsache, dass Marozzos Buch noch nach seinem Tode weitere Male gedruckt wurde, spricht dafür, dass sein Werk schon damals viele Fans hatte.
Sein Name geistert im Laufe der Zeit immer wieder durch die Geschichte Italiens und auch Europas. Öfters wird er zitiert oder referenziert. Vor allem im 19. Jahrhundert finden Autoren großen Gefallen an seiner Person und seinem Werk. In dieser Zeit werden allerdings auch viele Fehlinformation verbreitet.
So behauptet der Autor Jacopo Gelli in seinem Buch über die Geschichte des Fechtens („Bibliografia Generale della Scherma“, Florenz 1890), es existiere eine erste Auflage von Marozzos Opera Nova aus dem Jahre 1517, welche anscheinend in Venedig gedruckt worden sein soll und in der Bibliothek von Pisa liege. Die Sala D’Arme konnte dies 2006 widerlegen, nachdem sie der Bibliothek einen Besuch abgestattet hatte.
Bei dem Exemplar in Pisa handelt es sich um eine unvollkommene Abschrift der venezianischen Auflage von 1550, die in Teilen durch Seiten eines Exemplars von 1568 ergänzt wurde. Ein echter „Frankenstein“ also, der abgesehen davon auch noch mehrere inhaltliche Fehler aufweist. Sehr wahrscheinlich wurde irgendwann das Datum geändert, um das Buch älter und damit wertvoller erscheinen zu lassen.

Karikatur von Egerton Castle (Leslie Ward, 1905)
Egerton Castle’s „Schools and Masters of Fencing” (1885) wird in manchen Kreisen bis heute als ein Standardwerk gehandelt, wenn es um die Geschichte des europäischen Fechtens geht. Zweifelsohne ist sein Buch ein interessantes Zeitzeugnis der viktorianischen Ära. Qualitätsjournalismus hat Castle aber definitiv nicht betrieben.
Allein im Teil über Marozzo finden sich viele Fehler, ganz zu schweigen von der überheblichen Art des Viktorianers, der prinzipiell alles in eine lineare Zeitlinie pressen möchte, die zielstrebig auf das Ideal hinzeigt: Viktorianisches Fechten. Castle verortet Marozzos Fechtschule beispielsweise in Venedig und begründet dies in einer Fußnote damit, dass ja auch die meisten Bücher dort gedruckt worden wären.
Heute
Spätestens durch die HEMA-Bewegung wurde Marozzos Vermächtnis wieder Gegenstand ernsthafter Recherchen. Waren es zunächst außerhalb Italiens nur einige wenige, die sich mit ihm und der Bologneser Schule befassten, so werden es nun durch die ersten englischen Übersetzungen immer mehr. Wir sind gespannt, wo die Entwicklung hingeht.
Bei der Rekonstruktion interessieren sich historische Fechter natürlich mehr für Marozzos Fechtbuch, als für seine Biografie. Im nächsten Artikel schauen wir uns also endlich sein Werk im Detail an: „Opera Nuova Chiamata Duello“.

Die erste Seite aus Marozzo’s Fechtbuch.
Opera Nova (1536)
Hier geht’s weiter:
Achille Marozzo: Leben und Werk Teil II
Quellen & Links:
Gelli, Jacopo (1906): L’Arte dell’Armi in Italia
Marozzo, Achille (1536): Opera Nova
Artikel (wurden von SAAM entfernt, Stand 2024)
La lotta in Italia nel XV e nel XVI secolo (2014, Andrea Morini, Sala D’Arme Achille Marozzo)
Maestri della Scuola Bolognese (2000, Luca Cesari, Sala D’Arme Achille Marozzo)
Scherma Rinascimentale (2009, Jari Lanzoni, Sala D’Arme Achille Marozzo)